Übe zu sterben. Damit konnte ich lange nichts anfangen. Jetzt schon.
Meditation
Paulus schrieb: Ich sterbe jeden Tag.
Ich habe diesen Satz jahrelang für Übertreibung gehalten. Religiöse Rhetorik. Nichts für mich.
Dann habe ich angefangen zu beobachten: wie viele kleine Tode passieren täglich. Eine Überzeugung die wegfällt. Ein Selbstbild das nicht mehr stimmt. Eine Erwartung die sich auflöst.
Jedes Mal ein kleines Sterben. Jedes Mal, wenn ich es zulasse, ein kleines Werden.
Exegese
Es gibt eine Übung die ich seit Jahren praktiziere, ohne dass ich ihr einen Namen gegeben hätte. Jeden Abend: Was von heute lasse ich los? Was nehme ich nicht mit in morgen?
Nicht als Ritual. Als Frage. Manchmal ohne Antwort.
Jaspers verbindet das Sterben-Üben mit der Grenzsituation des Todes. Nicht als Morbidität, sondern als Klarheitspraxis. Wenn ich weiß dass ich sterbe – wirklich weiß, nicht nur abstrakt – ändert sich was ich für wichtig halte. Was mich aufhält. Was ich festhalte.
Die Stoiker hatten dafür den Begriff Memento mori – bedenke dass du sterblich bist. Nicht als Mahnung zur Trauer. Als Einladung zur Freiheit. Was würde ich anders tun wenn ich wüsste dass es das letzte Mal ist?
Ich habe einen Bekannten gekannt der mit fünfzig gestorben ist. Mitten im Leben. Er hatte sich das ausgesucht, auf seine Art.
Das hat mich erschüttert. Und es hat mich etwas gefragt das ich lange nicht beantworten konnte: Lebe ich so dass ich jederzeit aufhören könnte – nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit Frieden?
Die Antwort war lange: nein.
Inzwischen. Öfter: ja. Nicht immer. Aber öfter.
Irene sagt: Sterben üben heißt nicht sich vom Leben zu distanzieren. Es heißt das Leben ernst nehmen. Ernst genug um es nicht zu verschwenden.
Was hältst du fest, das du eigentlich schon loslassen könntest?
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