Stille ist nicht das Ende des Lärms. Sie war vorher.
Meditation
Ich habe lange nach Stille gesucht. Andere Orte, weniger Termine, Meditation als Technik. Als ob Stille etwas wäre das man herstellt.
Eines Abends, Garachico, das Meer unten, kein besonderer Abend, war sie einfach da. Nicht weil ich aufgehört hatte zu denken. Sondern weil ich bemerkte: sie war die ganze Zeit da gewesen. Unter dem Denken. Vor dem Denken.
Das Meer macht Wellen. Das Meer ist nicht die Wellen.
Exegese
Stille hat ein Imageproblem. Sie gilt als Abwesenheit von Lärm, von Aktivität, von Leben. Wer still ist, hat nichts zu sagen. Wer Stille sucht, flieht.
Ich behaupte das Gegenteil. Und ich behaupte es nicht theoretisch.
Lao-Tzu schreibt: Rückkehr zur Wurzel heißt Stille. Nicht Ankunft in der Leere – Rückkehr. Als ob Stille der Ausgangszustand wäre, nicht das Ziel. Als ob wir von ihr weggegangen wären, nicht auf sie zu.
Das ist der entscheidende Dreh. Stille ist nicht etwas das ich erreiche wenn ich genug meditiert, genug geschwiegen, genug losgelassen habe. Sie ist das, woraus alles hervorgeht. Gedanken entstehen in ihr. Gefühle entstehen in ihr. Ich entstehe in ihr – jeden Moment neu.
Das klingt abstrakt. Ist es nicht.
Ich kenne Menschen die in lauten Berufen arbeiten, in vollen Familien leben, keine einzige Minute Meditation machen – und trotzdem still sind. Nicht ruhig im Sinne von gedämpft. Still im Sinne von: sie kommen von irgendwo her. Es gibt ein Zentrum.
Und ich kenne Menschen die in Schweigeklöstern saßen und völlig unruhig geblieben sind. Weil sie die Stille gesucht haben anstatt zu bemerken, dass sie in ihr sitzen.
Jaspers hätte das anders formuliert. Er hätte gesagt: das Umgreifende lässt sich nicht herbeiführen. Es zeigt sich – oder nicht. Was ich tun kann ist nicht produzieren sondern aufhören zu versperren.
Irene sagt manchmal: Du kannst die Stille nicht einladen. Du kannst nur aufhören, sie rauszuwerfen.
Ich weiß nicht ob das stimmt. Aber es klingt richtig.
Die Frage die ich mir stelle – und dir: Was übertönst du gerade? Nicht was nervt dich. Was übertönst du, bewusst oder nicht, damit du etwas anderes nicht hören musst?
Foto: Atlantic Ambience / Pexels
Über Instagram hier gelandet. Erster Text den ich lese und ich bin schon drin. Mal sehen was noch kommt.
Ich kenne diesen Moment genau. Man glaubt einen klaren Gedanken zu haben und während man ihn aufschreibt, ist er schon weg. Was bleibt ist das Gehäuse, nicht der Inhalt.
Beim letzten Text habe ich gemerkt, wie viel Energie ich in die oberen Stockwerke stecke. Jetzt frage ich mich: Und was ist eigentlich im Erdgeschoss? Ich glaube, ich war da seit Jahren nicht mehr.