A dramatic beam of light streams through a narrow window, illuminating a dark room.

Bewusstheit ist nicht Erleuchtung. Sie ist das unbequeme Licht das angeht.

Meditation

Ich dachte lange, Bewusstheit sei etwas das man anstrebt. Ein Zustand. Irgendwo oben.

Dann merkte ich: Bewusstheit ist meistens unangenehm. Sie zeigt mir was ich nicht sehen wollte. Den Mechanismus hinter meiner Großzügigkeit. Die Angst hinter meiner Ruhe. Das Muster das ich seit zwanzig Jahren wiederhole.

Kein angenehmes Licht. Eher das Licht das angeht wenn man nachts in die Küche geht und die Kakerlaken wegrennen.

Das Bewusstsein selbst, das ist etwas anderes. Ruhig. Unberührt. Aber der Weg dorthin führt durch die Bewusstheit. Und der ist nicht schön.

Exegese

Es gibt einen Unterschied den ich lange nicht gesehen habe: zwischen Bewusstheit und Bewusstsein. Bewusstheit ist der Prozess: das schrittweise Ans-Licht-Bringen dessen was im Dunkeln operiert. Bewusstsein ist der Zustand: das ruhige Wissen um das Ganze.

Verwechselt man beides, passiert folgendes: Man sucht nach dem ruhigen Zustand und wundert sich warum der Weg so unruhig ist.

De Mello hat das scharf formuliert, schärfer als mir manchmal lieb ist. Die meisten Menschen wollen nicht wach werden. Sie wollen ihr kaputtes Spiel repariert bekommen. Das Spielzeug zurück. Den Job, die Beziehung, den alten Zustand. Wachwerden, das ist etwas anderes. Das ist nicht Reparatur. Das ist Umbau.

Ich kenne das aus mir. Ich habe jahrelang nach Klarheit gesucht und gleichzeitig alles getan um bestimmte Dinge nicht klar zu sehen. Das ist kein Widerspruch – das ist das normale Programm.

Jaspers nennt das die Unausweichlichkeit der Grenzsituation. Nicht weil sie von außen kommt. Sondern weil sie das ist was entsteht wenn die Bewusstheit wirklich arbeitet, wenn sie auf das stößt was ich nicht integriert habe. Schuld. Scheitern. Die Endlichkeit. Nicht als Konzept. Als Erfahrung.

Was dann? Dann – sagt Jaspers – beginnt eigentliches Existieren. Nicht vorher.

Irene arbeitet seit zwanzig Jahren mit Menschen in genau diesem Moment. Sie sagt: Die meisten kommen in die Therapie wenn die Bewusstheit sie bereits überwältigt hat. Der Schmerz ist schon da. Was fehlt ist die Bereitschaft hinzuschauen ohne sofort zu handeln.

Hinschauen ohne sofort zu handeln. Das ist schwerer als es klingt.

Bewusstheit ist also kein spirituelles Upgrade. Sie ist zunächst einmal Störung. Reibung. Das Gefühl dass etwas nicht stimmt und die langsame Erkenntnis dass dieses Gefühl recht hat.

Was siehst du gerade, wenn du ehrlich bist und schaust trotzdem weg?

Foto: Наталья Маркина / Pexels

Ein Kommentar

  1. Der Satz mit den Kakerlaken hat mich erwischt. Nicht weil er so drastisch ist, sondern weil er so genau stimmt. Ich habe Bewusstheit jahrelang als etwas Stilles, fast Angenehmes vorgestellt. Als würde man irgendwann ankommen. Stattdessen: das Licht geht an, und man sieht, was da die ganze Zeit schon war. Das ist kein schöner Moment. Aber vielleicht ist es der ehrlichste.

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