Stunning view of Roques de García with Mount Teide in the background.

Das Fundament schweigt. Deshalb hält es alles.

Meditation

Ich lebe oben. Gedanken, Gefühle, Meinungen. Ein Haus voller Betrieb. Jahrelang habe ich diesen Betrieb für mich selbst gehalten.

Dann kam ein Morgen auf Teneriffa. Der Teide im Dunst. Nichts Besonderes. Und plötzlich war da etwas unter allem. Nicht Stille im Sinne von Ruhe, sondern etwas, das schon da war bevor ich anfing zu suchen.

Es hat mich nicht angesprochen. Es hat einfach getragen.

Exegese

Ich schreibe das nicht als Einleitung zu einer Lehre. Ich habe keine.

Was ich habe: dreißig Jahre Aphorismen, die meisten davon Versuche, etwas in Sprache zu fassen das sich der Sprache entzieht. Dieser hier ist der direkteste. Und der unbequemste.

Das Fundament schweigt. Das klingt zuerst wie Trost. Ist es nicht. Es ist eine Zumutung.

Denn wenn das Fundament schweigt und trotzdem hält, dann ist mein ganzes Reden, Erklären, Rechtfertigen, Verstehen-Wollen nicht das was mich trägt. Es ist Dekoration. Lärm in den oberen Stockwerken, während unten längst alles steht.

Mein Vater hat mir Karl Jaspers gegeben. Nicht als Buch – als Haltung am Familientisch. Jaspers nannte die Momente, in denen das Reden aufhört, Grenzsituationen. Tod, Scheitern, Schuld. Nicht Probleme die gelöst werden. Orte, an denen das Fundament sichtbar wird, weil alles andere wegbricht.

Ich habe das erlebt. Nicht dramatisch, kein großes Scheitern. Einfach ein Morgen, an dem der Teide im Dunst stand und ich aufgehört habe zu erklären.

Was blieb: das Tragende. Ungefragt. Ohne mein Zutun.

Wartenberg, Jaspers‘ Schüler, den ich in Heidelberg aufsuchte, sagte einmal zu mir, das Umgreifende sei nicht erfahrbar als Objekt, sondern nur als das, woraus Erfahrung überhaupt erst hervorgeht. Ich habe drei Semester gebraucht um zu verstehen was er meinte. Und dann noch zwanzig Jahre um es zu spüren.

Sprechen wir also nicht davon was das Fundament ist. Das wäre schon wieder oben.

Die Frage – falls du eine brauchst – ist diese: Wann hast du zuletzt aufgehört zu reden? Nicht geschlafen. Aufgehört zu reden. Innerlich.

Was war da?

Foto: Micha Höfer / Pexels

6 Kommentare

  1. Das erinnert mich an Meister Eckhart. Das Schweigen als eigentliche Sprache des Grundes. Danke für diesen Impuls zum Wochenstart.

  2. Ich tue mich schwer mit dem Wort Fundament. Es klingt nach etwas Festem, das man greifen kann. Aber vielleicht ist das genau der Punkt.

  3. Benoît, Irene – endlich. Ich habe schon so lange auf diesen Moment gewartet. Ihr habt das so gemacht wie ihr immer alles macht: ohne Aufhebens, ohne Ankündigung, einfach da. Die Seite ist wunderschön so ruhig und so klar wie die Gedanken selbst. Und dieser erste Satz. Ich kenne ihn fast auswendig, du hast ihn uns mal am Tisch in Barcelona hingeworfen, ganz beiläufig, und keiner hat etwas gesagt. Jetzt weiß ich warum. Ich wünsche euch, dass viele Menschen finden, was ich hier schon beim ersten Lesen gespürt habe. Alles Liebe aus Lyon.

  4. Hab mich direkt durch zum ersten Text geklickt. Das Fundament schweigt. Ja. Irgendwie weiß ich sofort was gemeint ist.

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