Die meisten schlafen. Nicht nachts – den ganzen Tag.
Meditation
Ich fahre manchmal durch eine Landschaft und merke erst hinterher, dass ich sie nicht gesehen habe. Der Körper war da, die Augen offen. Aber ich war woanders, in einem Gespräch das noch nicht stattgefunden hat, in einem Problem das vielleicht nie kommt.
Das ist Schlaf mit offenen Augen.
Ich kenne das gut. Zu gut. Jahrelang war das mein Normalzustand, funktionierend, produktiv, dabei völlig abwesend. Irene hat es mir irgendwann gesagt. Nicht freundlich. Aber klar.
Exegese
De Mello schreibt: Die meisten Menschen wurden schlafend geboren, leben schlafend, heiraten in den Schlaf, erziehen im Schlaf ihre Kinder und sterben im Schlaf. Ohne jemals wach geworden zu sein.
Das ist hart. Und ich glaube, es stimmt.
Aber ich will nicht missverstanden werden – das ist kein Urteil über andere. Es ist eine Beobachtung die ich zuerst an mir gemacht habe. Ich war Experte im Schlafenden-Spielen. Beschäftigt, engagiert, meinungsstark – und dabei im Wesentlichen abwesend. Von mir selbst.
Was bedeutet wach sein? Nicht aufgeregt. Nicht besonders aufmerksam. Nicht meditierend.
Es bedeutet: anwesend in dem was gerade ist. Nicht in der Geschichte die ich darüber erzähle.
Das ist der Unterschied. Der Schlafende erlebt nicht was ist. Er erlebt seine Interpretation davon. Seinen Film. Und der läuft oft seit Jahrzehnten, immer dasselbe Skript, immer dieselben Rollen. Er selbst als Held oder Opfer, die anderen entsprechend besetzt.
Jaspers sagt: Existenz beginnt dort wo ich aufhöre, mich durch Rollen zu definieren. Wo ich nicht mehr Vater, Unternehmer, Philosoph, Leidender bin , sondern einfach da. Ohne Kostüm.
Das klingt erstrebenswert. Es ist es auch. Aber der Weg dorthin geht durch den Moment in dem ich bemerke wie tief das Kostüm sitzt. Wie sehr ich es für meine Haut gehalten habe.
De Mello hat auch das gesagt: Wachwerden ist unangenehm. Im Bett ist es warm. Deshalb will es kaum jemand wirklich.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag in Barcelona. Jahre vor Irene, vor Teneriffa, vor dem Institut. Ich saß in einem Café, hatte gerade ein Seminar gegeben, war zufrieden mit mir. Und plötzlich die Frage, von nirgendwo: Wer hat da gerade gesprochen? War das ich – oder das Kostüm?
Ich bin damit nicht fertig geworden an diesem Nachmittag. Aber die Frage ist geblieben.
Sie bleibt immer.
Wer spricht gerade in dir – du, oder die Rolle die du so lange gespielt hast dass du den Unterschied vergessen hast?
Foto: Atlantic Ambience / Pexels
„Funktionierend, produktiv, dabei völlig abwesend“ das trifft mich hart. Ich habe das lange als Stärke gelesen. Immer beschäftigt, immer am Tun. Dass das auch eine Form von Flucht sein kann, habe ich erst viel später begriffen. Die Frage am Ende – wer spricht da eigentlich, ich oder das Kostüm die lässt mich nicht los.
Ich bin über einen geteilten Link hier gelandet – ehrlich gesagt ohne große Erwartungen. Solche Überschriften kennt man, und meistens folgt dann irgendetwas Esoterisches. Hier nicht. Der zweite Halbsatz hat mich erwischt. Ich hab kurz innegehalten und das ist mir tagsüber selten.
Mal sehen was die nächsten Beiträge bringen.