Der Sinn des Lebens antwortet nicht. Er fragt zurück.
Meditation
Ich war dreiunddreißig, auf einer Zugfahrt von Genf nach Heidelberg, als mich die Frage zum ersten Mal wirklich traf. Nicht als Philosophieproblem. Als körperliche Erschütterung.
Wozu das alles?
Nicht nihilistisch gemeint. Nicht depressiv. Einfach echt. Ich saß da mit meinem Kaffee und merkte, dass ich zwanzig Jahre lang Antworten gesammelt hatte ohne je die Frage wirklich gestellt zu haben.
Der Zug fuhr. Die Frage blieb.
Exegese
Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist die meistgestellte und meistausgewichene Frage die es gibt. Philosophen haben Bücher darüber geschrieben. Theologen Kathedralen gebaut. Therapeuten verdienen gut daran. Und trotzdem fragt jeder irgendwann allein.
Was ich in dreißig Jahren Nachdenken gelernt habe: Die Frage will keine Antwort. Sie will gestellt werden. Immer wieder. Neu.
Das klingt unbefriedigend. Ist es auch. Zunächst.
Jaspers schreibt: Existenz ist kein Zustand sondern ein Vollzug. Ich existiere nicht einfach, ich vollziehe mein Dasein – oder ich tue es nicht. Das Sinnproblem löst sich nicht durch eine gute Antwort. Es löst sich durch das Vollziehen selbst. Durch das Tun, das Begegnen, das Erleben, das Scheitern, das Weitermachen.
Irene hat das einmal in einem Satz zusammengefasst, der mich seit Jahren begleitet: Der Sinn ist nicht etwas das du findest. Es ist etwas das entsteht, wenn du aufhörst zu suchen und anfängst zu leben.
Ich weiß nicht ob das stimmt. Aber ich bemerke: In den Momenten wo ich am wenigsten nach Sinn gesucht habe – beim Kochen, beim Blick auf den Teide, in einem guten Gespräch – war da etwas das sich wie Sinn anfühlte. Ungefragt. Ungebeten.
Vielleicht ist Sinn das, was übrig bleibt wenn die Sinnsuche aufhört.
Wann hast du zuletzt aufgehört zu fragen – und was war da?
Foto:Raul Ling / Pexels