Sunrise view of misty mountain ranges in Santa Cruz de Tenerife, creating a dramatic silhouette with a warm, scenic ambiance.

Das Nichts ist kein Nichts. Es ist das Vorher.

Meditation

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das ist nicht bescheiden gemeint.

Es ist eine Beobachtung. Jedes Mal wenn ich glaube etwas wirklich zu wissen, das Leben, mich selbst, was wichtig ist, kommt ein Moment der das wieder öffnet. Nicht zerstört. Öffnet.

Das Nichts hat mich lange beunruhigt. Inzwischen nicht mehr.

Ich habe angefangen es als Ausgangspunkt zu verstehen. Nicht als Endpunkt.

Exegese

Es gibt zwei Arten mit dem Nichts umzugehen.

Die erste: es als Bedrohung zu verstehen. Als Leere, als Sinnlosigkeit, als das was bleibt wenn alle Konstruktionen wegfallen. Diese Lesart erzeugt Angst und aus der Angst den Drang, das Nichts so schnell wie möglich zu füllen. Mit Überzeugungen, Beschäftigung, Bedeutung.

Die zweite: es als Ursprung zu verstehen. Als das Vorher, bevor Gedanken entstehen, bevor Formen sich zeigen, bevor ich anfange zu interpretieren.

Ich habe lange gebraucht um von der ersten zur zweiten Lesart zu kommen. Und ich falle immer noch gelegentlich zurück.

Jaspers spricht vom Umgreifenden als dem, was jeder Bestimmung vorausgeht. Es ist weder Objekt noch Subjekt – es ist die Bedingung dafür dass überhaupt etwas erscheint. In diesem Sinne ist das Nichts bei Jaspers kein Mangel. Es ist Fülle ohne Form.

Die östliche Philosophie – besonders der Taoismus – sagt dasselbe anders: das Tao das benannt werden kann ist nicht das ewige Tao. Das Nichts das ich beschreibe ist bereits nicht mehr das Nichts.

Das ist keine Sprachspielerei. Es ist ein echtes Problem.

Sobald ich sage „das Nichts ist Ursprung“ habe ich das Nichts zu etwas gemacht. Einem Konzept. Einer Überzeugung. Das Paradox lässt sich nicht auflösen nur aushalten.

Ich lache manchmal darüber. Das scheint mir die angemessenste Reaktion.

Irene meint: Du kannst das Nichts nicht denken. Du kannst nur bemerken dass du gerade nicht denkst.

Was ist in dem Moment bevor du anfängst zu denken?

Foto: Marek Piwnicki / Pexels

Ein Kommentar

  1. Ich bleibe da hängen. Sie sagen, das Nichts sei kein Mangel, sondern Fülle ohne Form. Aber das ist doch wieder nur ein schöneres Wort für dasselbe. Ich habe Mühe damit.

    Was mich stört ist genau das was Sie selbst zugeben. Sobald man es benennt ist es weg. Dann frage ich mich wozu der ganze Versuch. Vielleicht ist die ehrlichste Haltung einfach zu schweigen und nicht zu schreiben.

    Ihr Lachen am Ende nehme ich Ihnen trotzdem ab. Das schon.

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