Es gibt Momente die einen nicht fragen ob man bereit ist.
Meditation
Ich war nicht bereit.
Natürlich nicht. Niemand ist bereit für eine Grenzsituation. Das ist ihr Wesen. Sie kommt nicht angekündigt. Sie fragt nicht. Sie ist einfach da.
Was ich in solchen Momenten gelernt habe: nicht das Ereignis formt mich. Sondern was ich damit mache nachdem der erste Schock vorbei ist. Ob ich weglaufe in Erklärungen und Ablenkungen. Oder ob ich stehen bleibe.
Stehen bleiben ist schwerer als es klingt.
Exegese
Jaspers hat den Begriff der Grenzsituation geprägt, aber er hat ihn nicht erfunden. Er hat nur einen Namen gegeben für etwas das jeder Mensch kennt: den Moment in dem die gewohnten Strategien versagen.
Tod. Scheitern. Schuld. Kampf. Das sind Jaspers‘ klassische Grenzsituationen. Momente in denen die Fassade bricht – nicht weil man schwach ist, sondern weil die Situation stärker ist als jede Fassade.
Was dann passiert ist entscheidend.
Die meisten – ich eingeschlossen, lange Zeit – versuchen so schnell wie möglich wieder in den Normalzustand zurück. Neues Projekt, neue Beschäftigung, neue Erklärung. Der Schmerz wird verwaltet, nicht durchlebt. Das Leben geht weiter. Oberflächlich.
Jaspers sagt: Wer so reagiert, verpasst die Grenzsituation. Nicht das Ereignis. Das ist passiert. Aber die Möglichkeit die darin liegt. Die Möglichkeit zu sehen was wirklich ist wenn alles Konstruierte wegbricht.
Ich habe meinen Vater verloren als ich 34 war. Mitten in einer Phase in der ich dachte ich hätte alles im Griff: Karriere, Richtung, Selbstbild. Alles weg. Nicht sofort. Aber in den Wochen danach begann etwas zu bröckeln das ich für stabil gehalten hatte.
Ich bin dankbar dafür. Das klingt merkwürdig. Ich meine es ernst.
Wartenberg schrieb mir damals einen Brief. Ich hatte ihm von meinem Vater erzählt. Er schrieb: Der Tod eines Elternteils ist die erste Grenzsituation die uns wirklich betrifft. Vorher kennen wir sie nur vom Hörensagen.
Er hatte recht.
Irene arbeitet täglich mit Menschen in Grenzsituationen. Sie sagt: Der häufigste Fehler ist nicht dass man zusammenbricht. Der häufigste Fehler ist dass man zu schnell wieder aufsteht.
Wann bist du zuletzt gestanden geblieben auch wenn alles in dir weglaufen wollte?
Foto: Paweł Kosmala / Pexels
Der Satz von Irene hat mich getroffen. Zu schnell wieder aufstehen. Genau das habe ich gemacht als meine Mutter starb. Beerdigung, Wohnung auflösen, Papierkram, und dann sofort zurück in den Alltag als wäre nichts. Funktioniert. Eine Weile.
Erst Monate später kam alles hoch, an einem ganz normalen Dienstag. Da habe ich verstanden dass ich nie wirklich gestanden bin. Ich bin nur weitergelaufen.
Danke für diesen Text.
Ich bin 29 und habe das Glück oder Pech noch keine richtige Grenzsituation erlebt zu haben. Beim Lesen merke ich aber wie sehr ich mich aufs Weglaufen vorbereitet habe, ohne es zu wissen. Immer ein nächstes Projekt, immer ein Plan.
Die Frage ist, ob man das Stehenbleiben üben kann bevor es einen trifft. Oder ob das nur in der Situation selbst geht. Ich weiß es nicht.
Mein Mann hat seine Arbeit verloren, mit 52, und für ihn war das eine Grenzsituation auch wenn das Wort groß klingt für einen Jobverlust. Er ist nicht weggelaufen. Er ist wochenlang einfach dagesessen. Ich hab es kaum ausgehalten.
Heute weiß ich, das war das Richtige. Aus dem Sitzen ist etwas Neues entstanden. Aus Aktionismus wäre nur das Alte in neuer Form gekommen.