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Ich verfehle das Sein mit jedem Gedanken. Und trotzdem bin ich es.

Meditation

Ich habe versucht das Sein zu verstehen. Natürlich. Ich bin Philosoph, oder war es, je nachdem wen man fragt.

Jedes Mal dasselbe: Ich denke „das Sein ist…“ – und schon ist es weg. Was bleibt ist ein Gedanke über das Sein. Eine Vorstellung. Ein Konzept mit dem ich zufrieden bin für ungefähr eine Woche.

Dann fängt es wieder an.

Irgendwann habe ich aufgehört zu suchen. Nicht weil ich es gefunden hätte. Sondern weil mir klar wurde: Das Suchen selbst ist das Problem. Ich suche das, in dem ich bereits sitze.

Exegese

Es gibt einen Fehler der sich durch fast alle spirituellen und philosophischen Traditionen zieht – und durch mein Denken jahrelang hindurch: die Annahme, das Sein sei etwas das ich erreichen, begreifen, festhalten kann.

Es ist nicht so.

Jeder Versuch das Sein zu erfassen folgt demselben Muster. Zuerst die Aufspaltung: das Sein und ich, schon zwei. Dann der Zugriff: ich versuche es zu greifen. Dann die Definition: ich gebe ihm einen Namen, eine Form, einen Begriff. Und damit ist es bereits nicht mehr das Sein. Es ist meine Vorstellung davon. Ein gelber Kreis den ein Kind malt und Sonne nennt.

Jaspers wusste das. Das Umgreifende lässt sich nicht zum Objekt machen. Es ist die Bedingung dafür, dass überhaupt Objekte erscheinen. Sobald ich es anschaue, schaue ich an etwas das ich daraus gemacht habe. Das Original ist weg.

Das klingt wie eine Sackgasse. Ist es nicht.

Denn, und das ist der entscheidende Punkt, ich verfehle das Sein nur mit meiner Wahrnehmung. Nicht mit meinem Sein. Ich bin es bereits. Jetzt. Während ich das hier schreibe und du das hier liest.

Das „Ich bin“, nicht „Ich bin dies oder das“, sondern das nackte „Ich bin“, das ist der einzige Satz der nicht lügt. Alles was danach kommt ist Beschreibung. Eingrenzung. Kostüm.

Wartenberg hat mir das in Heidelberg einmal so erklärt: Stell dir vor du suchst deine Brille. Du suchst überall. Du findest sie nicht. Und dann merkst du: du hast sie auf der Nase. Das Sein ist die Brille. Du hast sie die ganze Zeit getragen. Du hast nur durch sie hindurchgeschaut ohne es zu bemerken.

Ich habe gelacht damals. Und dann drei Tage lang nicht geschlafen.

Irene sagt: Das Sein ist nicht das Ziel der Reise. Es ist der Boden unter jedem Schritt.

Ich glaube ihr. Meistens.

Was wäre wenn du aufhörtest, das Sein zu suchen und stattdessen fragtest: Was sucht hier eigentlich?

Foto: Atlantic Ambience / Pexels

Ein Kommentar

  1. „Ich verfehle das Sein mit jedem Gedanken.“ Das ist präziser als alles, was ich je bei Meister Eckhart dazu gelesen habe – und er hat das Thema ja nicht gescheut. Aber er blieb oft im Mystischen. Hier steht es einfach da. Keine Ausweichbewegung. Was mich am zweiten Satz festhält: „Und trotzdem bin ich es.“ Das „trotzdem“ ist das Entscheidende. Kein Trost, kein Trick – nur dieser seltsame Befund. Das Verfehlen ändert nichts am Sein. Man kann sich selbst nicht verpassen.
    Vielen Dank. Bis nächsten Montag

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